Die Gräbt

Die Gräbt

Abschrift aus dem Schweizerischen Dorfkalender auf das Jahr 1871
(Eine Volkssage aus dem Emmental.)

An einem stürmischen Winterabende waren einige Männer droben auf der Egg zu einem Abendsitz versammelt. Draussen peitschte der Wind den mit Schnee gemischten Regen an Wände und Fenster, Drinnen in der angenehm durchwärmten Stube war es aber nur um so heimeliger, Zwischen das Schnurren der Spinnräder mischte sich das geheime Gespräch der Spinnerinnen, das hie und da, je nachdem es witzige Einfälle durchleuchteten, mit einem hellen Gelächter unterbrochen wurde. Hinten auf dem Ofen "tubakete" der Grossätti und trieb sein Narrenwerch mit der grossen grauen Katze, oder dem schlafsturmen Jakobli. Vornen am schweren Kirschbaumtisch sassen 4 Männer. Die Zeit hatte in ihre Gesichter tiefe Furchen gezogen, ihre Züge gebräunt und den Schnee des Alters in die Haare gestreut, Die Männer erzählten von ihren Erlebnissen. Der Eine hatte viel erfahren in fremden Landen, wo er in seiner Jugendzeit als Militär gewesen. Der Andere, ein routinirter Kuhhändler, gab seine Markterlebnisse mit heitern und düstern Scenen zum Besten, Der Hausherr, ein stämmiger Bauer, versetzte sich zurück in die Wirthshaus- und Kiltgangserlebnisse seiner Flegeljahre. So wusste jeder der Drei einen Tribut zu bringen, die Stunden des düstern Abends zu würzen, Nur Michel, der Vierte, schwieg still. Man begriff es, denn seine stotternde Aussprache machte ihm die Mittheilung schwer, Gerade dieser organische Fehler führte die Anwesenden auf eine dunkle Geschichte. Michel hatte nämlich s.Z. seine Sprachwerkzeuge ganz normal gebrauchen können. In einer einzigen Nacht änderte sich's. Er wurde ein unheilbarer Stotterer. Was die Ursache gewesen, erfuhr eigentlich Niemand. Michel sprach nicht gern von dieser Nacht. Aber seinem von Schrecken erregten Gemüth sah man's an, dass etwas Unerhörtes, Schreckliches ihm begegnet war. Gerade an diesem Abendsitz kamen die Gespräche auch in's Gebiet des Geheimnissvollen, Wunderbaren. Je mehr erzählt wurde, je mehr steigerte sich der Reiz und Geschichten von zunehmend stärkerer Färbung. wurden zum Besten gegeben, so dass es Allen anfing zu gramseln den Rücken hinauf. Eindringlicher machte man sich an Michel, einmal sein Geheimniss zu eröffnen. Umsonst! Er blieb still und düster, Erst als das dritte G1äsli Bätziwasser durch seine Kehle rann, da leuchtete das Auge und der Trieb zur Mittheilung durchdrang seine Brust. "Oeppis Grüslichers, che me nit erlebe, als was ig selbi Nacht düre g'macht ha. - La g'seh Bäbi, i ha dirs erzählt chumm bricht, du hest der g'wetzter Schnabel als ich" Mit diesen'Worten winkte er seiner Frau, die bei den Spinnerinnen sass, die Schauergeschichte zum Besten zu geben.
Diese wollte sich am Anfang etwas stettig machen und sich durch verschiedene Ausreden den Zumuthungen entziehen. Als aber Mädi, die robuste und feste Bergbäuerin, die Weigernde:- wie ein Kind auf die Arme nahm und sie in den Kreis der harrenden Männer setzte, da musste es d'ran, ob gern oder ungern.
Nach einigen Präliminarien wie: "Aber myn Gott, wenn das der Pfarrer vernimmt, dass mir das brichtet hei, dä schlat is ung'spitzt düre Bode ab - Weiss Gott, was is chönnt begegne, wenn die Geister das g'höre u,s.w.", begann Bäbi, nachdem man ihm seine Bedenken ausgeredet, ungefähr folgende Erzählung, die wir ohne Bäbis Weitschweifigkeit dem Sinn nach wiedergeben:

Es ist bekannt, dass schon seit Jahren, namentlich wenn trübes Wetter bevorsteht, Nachts um 12 Uhr sich ein Leichenzug von Schaufelbühl her über die Egg nach dem Kirchhofe von Lützelflüh bewegt. Wahl schon Viele haben das dumpfe Rollen des Todtenwagens gehört, aber nur Wenige den Zug selbst gesehen. Wohl allen, die von dem grauenhaften Anblick verschont geblieben, denn noch Keinem ist es gut bekommen, Viele, die das Unglück hatten, dieser Geistergräbt zu begegnen, sind wie vom Schlage getroffen zu Boden gesunken, Andere, die mit dem Leben davon kamen, büssten das Begegniss auf andere empfindlichere Weise.

Gerade meinem Michel ging es so. O wenn ich an die Nacht denke, so rinnt noch immer der Schweiss in erbsgrossen Tropfen von meiner Stirn.

Es war im Herbst, gerade im Säet. Wir hatten viel zu thun, An einem Samstaq Mittaq sagte mir Michel, ich solle ihm ein Hemd z'weg thun, er müsse in's Dorf. Auf diese Eröffnung hin wollte ich ihm zureden und stellte ihm vor, wie die Jahreszeit vorgerückt sei, und wie es bitter nöthig wäre, die Felder zu bestellen, Aber ihr wisst, wenn einer das Gemeinderathfieber im Leibe hat, so hat er's am Samstags ärger, als die Kiltbuben, Man hält ihn nicht zurück und sie sehen sich für so wichtig an, dass die Erde nach ihrer Ansicht nicht mehr rund wäre, sondern von jeder Abwesenheit eine Beule bekäme wie ein Säuhändlerhut.
Somit waren auch meine Einwendungen wie ein Hauch in einen kalten Ofen, Michel stellte seinen Hemdkragen über seine Kürbisblätter von Ohren, hing seine Gemeinderatkskutte um die Achsel, sackte ein Pfund Rossnürder ein und dampfte aus seinem Suppenchlack, als war's eine Lokomotive. Ich war zornig wie ein Kalberhändler, ging in den Keller und tobte mich ein wenig aus. B'sinne mich noch, dass ich in meinem Selbstgespräch mit meinem Nidlenkübel in Konflikt gerieht. Wollte denselben nämlich auf dem Kopfe hinauftragen aus dem Keller, Da borst der morsche Boden und die Nydle überzog mein holdes Antlitz, verhüllte die Röthe des Zornes in das zarte Weiss der Unschuld und erwarb mir den poetischen Namen "Nydlebäbi", den ich seither in Geduld trage.

So verging der Nachmittag, es ward Abend, ward Nacht. Michel kam immer nicht und wie ich mich auch über die Hausthüre bückte und den Weg übersah, immer wollte seine Gestalt nicht hinter dem hohen Grünhaag hervortauchen. Ich war zuerst etwas zornig und studierte schon die Lektion, die ich dem "Sufhund" ertheilen wollte. Es schlug aber Zehn und Michel war noch immer nicht da; ich gelobte mir im Stillen, dass, wenn er jetzt käme, ich ein paar Blitze aus dem einstudierten Donnerwetter streichen wollte. Ich legte meinen Kopf auf den Ofentritt und als es Elfi schlug, da war's mir, als hätte ich einen alten Mehlsack auf der Brust. Fast war's mir weinerlich um s Gemüth. Sofort kehrte aber der alte Trotz zurück, wenn ich glaubte, die Fusstritte des Kommenden zu hören und die Studien des Donnerwetters traten wieder in den Vordergrund.
Schon nahte der Zeiger auf zwölf. Je mehr derselbe vorrückte, je mehr erhöhte sich meine sentimentale Stimmung und während es Zwölf schlug, habe ich wenigstens ein Kaffeekacheli voll heisse, ächte Thränen geweint. Was ich dachte, weiss ich nicht mehr. Bald sah ich den Michel mit zerschlagenem "Gring", bald mit zerschlagnen Beinen. Bald sah ich ihn schwanken im Zickzack, und hört' es, wie er jeden Tanngrotzen "gute Nacht" sagt. Bald hörte ich Räuber flüstern im dunkeln Hohlweg, hörte sie sagen, "dem Donner wei mer jetzt einist 's G'meindräthle vertrybe". aas Alles goss mir unnennbare Angst in meine Seele. Sie wuchs mit jeder Stunde. Und als es 1 Uhr schlug, da brennt es mich an den Sohlen, riss mich an allen Haaren, kochte und wogte es in meiner Brust. Ich rief die Knechte und Mägde auf. Laternen wurden angezündet und dann ging's hinaus in die stockfinstere Nacht. Noch nie war Michel über Elfi ausgeblieben. Jetzt war es Eins. Da musste ihm was Absonderliches begegnet sein. Vorsichtig wurde mit der Laterne allen Hägen nach gezündet, hinter allen Sträuchen und Bäumen gesucht. Aber kein Michel fand sich. Ich betete im Stillen zu Gott, dass er mir denselben zurückgebe und gelobte ihm, dass wenn er auch stiersternvoll sei, ich ihn abküssen wolle, als wäre er aus lauter Zuckerzeug gemacht.

Wir gingen ziemlich weit vorwärts, bis in die Schreibershubhohlen. Dort stand der voranleuchtende Knecht plötzlich schreckenbleich still und rief aus angsterfüllter Kehle: Da ist er!

Wirklich! da lag mein armer Mann am Bord, weiss wie ein gebleichtes Tuch und hatte einen Schaum vor dem Munde. Es war mir, als wenn mir jemand einen Streich mit der Schlägelaxt gäbe. Ich weiss nicht, was ich fühlte und dachte. Erst als der Melker die frohe Kunde mittheilte - "er lebtl" - ward's mir besser, Wir traffen nun Anstalten, den Ohnmächtigen heim zu transportieren. In ein warmes Bett gelegt, kam er langsam zu sich. Erst spät am Morgen öffnete er seine Augen. Sein Blick hing stier an mir, als wollte er fragen, ob das, was er sah, Wirklichkeit oder Täuschung sei. Wie gross war aber mein Schreck, als mein Mann zu reden anfing. Seine Stimme hatte sich ganz verändert und er stotterte wie ein Kind, Ich bestürmte ihn mit Fragen, mir zu erzählen, was ihm zugestossen, Er aber hielt seine Hand auf den Mund, mir anzudeuten, als sei ihm Schweigen geboten. Doch ruhte ich nicht, bis ich das Schreckliche wusste. erzählt' es mir, als ich die stille Kammer sorgfältig abqeschlossen mit dem Bedeuten, keinem Menschen ein Sterbenswörtchen davon zu sagen. Jetzt sind viele Jahre vorbei und es ist eine alte Geschichte, so dass ich mich nicht vergehe, wenn ich sie diesen Abend gerade so erzähle, wie er mir's mittheilte.

Wir hatten G'meinderath - sagte Michel - und die vielen Geschäfte fesselten uns bis Abends 9 Uhr in's Sitzungszimmer. Hungrig und durstig gingen wir miteinander in's Wirtshaus. Bäbel, die freundliche und spekulative Wirthin, hatte uns bald etwas Gutes z'wegbröselet. Als wir gegessen, war der Schluck nicht übel präpariert und die Massgutteren wanderten fleissig auf und ab, Erzählt wurde auch mancherlel Kurzweiliges und zuletzt noch gesungen, dass die Fenster klefeleten. Der Wirth gab uns noch eine Mass drüberein und als wir das Haus verliessen, stürzte ich in eine Waschbütte hinein und wusste nicht, ob ich nidsig oder obsig d'rauskomme, bis mir der Danichlaus wieder auf mein Gestell half. Es schlug halb Zwölf, als ich durch den Stammbachwald hinauf ging. Ich war voll wie eine Kanone. Die Luft stand finster, schwül und schwer. Am Himmel glänzte kein Sternlein, Um den Weg zu finden, tastete ich mit Fuss und Händen sorglich vorwärts. Hie und da rauschte ein leiser Windstoss in den Zweigen, oder raschelte im dürren Laub. Dieser Wechsel mit lautloser Stille und gespenstischen Geräusch schauderte mich, und ich fühlte, wie die Haare slch steiften und es mir "chrüselete" über den Rücken hinauf. Dabei dachte ich an alle Gespenstergeschichten, die mir je erzählt wurden und meine Sinne hüllten sich in wachsenden Schrecken. In meiner Brust regte sich die Angst und ich erschrack ob dem eigenen Athem und den eigenen Schritten. Gottlob, als ich aus dem Walde trat. Im Freien athmete ich wieder freier auf. Doch bald umfing mich wieder düsterer Wald mit klopfender Angst und quetschender Furcht. Ich gelangte in den mit dichtem Laubdach überwölpten Hohlweg, Dort war's finster zum Abstechen. Da hörte ich auf einmal ein dumpfes Rollen. Gewiss ein verspätetes Fuhrwerk dasselbe kam näher und näher. Ich lehnte mich ans Bord, um auszuweichen. In der Finsterniss konnte ich nicht das Geringste unterscheiden. Doch dünkte mich das Rollen bald unter den Füssen,bald über meinem Kopf zusein, Mir sauste es in den Ohren. Schattenhafte Gestalten, von bläulichem Licht umflort, huschten fledermausartig umher. Bald gewahrte ich, vom magischen Dämmerschein umhellt, einen gespenstischen Leichenzug. Voran der Wagen mit Sarg, hinten in langer. Reihe schwarze schattenhafte Gestalten in langen, fliegenden Mänteln. Ich sass da wie versteinert. Den Zug schloss ein hässlicher Pfaffe mit langem faltigem Kanzelrock und einem weissen Faltenkragen, so gross wie ein Wagenrad. Er hatte einen grausigen, hohläugigen Todtenschädel und gerade dieser war es, der den gespenstischen Schein in das Dunkel warf, dass ich die ganze Schreckenserscheinung wahrnehmen konnte, Wie mich der Pfaffe sah, schoss er einen wüthenden Blick auf mich. Er nahm seine Bibel mit messingbeschlagenen Deckeln So gross wie ein Krautbrett, und warf sie mir an den Kopf, wei'l ich dei~selllen nicht entblösst hatte. Mir war, als sähe ich das Feuer im Elsass. Meine Sinne schwanden mir und ich erwachte erst daheim im Stübli und wusste nicht, wie ich dahin gekommen. So erzählte mir Michel, fuhr Bäbi fort. Aber was das für ein Tag war z'morndrist. Der Himmel hing voll schwerer Wolken, so dunkel wie ein Bärenfell und daraus ergoss sich ein Regen, als sollte Alles zu Wasser werden. Das Unwetter dauerte etwa 8 Tage, bis es aufhörte, und ein alter Wetterschmöcker sagte mir, das geschehe allemal so, wenn die Gräbt über die Egg passiere.

Alle Anwesenden hatten stumm der Erzählung zugehört und Manchem wurde es fast gruselig, dass er die Füsse fast nicht unter den Tisch halten durfte.

Das Gespräch drehte sich um den Ursprung dieses Gespensterzuges. Es müsse öppis Grüseligs passirt sein, meinte Christen, dass eine so grosse Sühne auferlegt worden. Aber Niemand wusste nähere Auskunft.

Da erhob sich Grossätti auf dem Ofentritti that ein paar hastige Züge aus seinem Pfyffli, "himpete" an seinem Stecken zum Tisch und sagte: "Da mer jetzt grad dran sy, so wey mer fertig mache und so will ig ech brichte, was i weiss." Er erzählte hier auf, wie ihm sein Grossätti einmal beim Oepfelrüsten den Ursprung der "Gräbt" erzählt und wie ihm die Geschichte noch gegenwärtig sei, als hätte er sie erst "hinecht" gehört.

Es lebte, so sagte er mir, dort oben z'Neuegg ein grausam reicher Bauer, der hatte Land und Wälder, was er übersehen konnte. Neuthaler hatte er manchen Mütt im Speicher aufgestellt und dabei 2 Hunde angekettet, so gross und so grimmig wie Löwen. Keine von den Töchtern der Gegend war ihm reich und schön genug. Er hatte alle Märite in Sumiswald, Langnau, Burgdorf und Huttwyl durchstöbert, aber hohnlachend kehrte er zurück und sagte; "Das ist Alles nume Hudelzüg!"

Im gleichen Hause lebte ein armes Mädchen, Es war das Kind eines armen Taglöhners, der auf dem Gute gedient und durch den Hufschlag eines wild gewordenen Pferdes plötzlich das Leben verlor. Aus Erbarmen nahm der Bauer das Kind auf und erzog es.

Röseli, so hiess dasselbe, war von Allen geliebt und gerne gesehen. Es hatte ein treues, gutes Herz, liebte alle Menschen gleich und war mit Jedermann freundlich. Der Segen des Himmels schien daher auch auf ihm zu ruhen. Es gedieh sichtbar an Leib und Seele und war dabei ein Muster edler Weiblichkeit, dazu schön wie ein Engel. Die braunen Haare fielen in dichten Wellen über Stirn und Nacken und die Bäcklein glänzten wie eine reifende Kirsche, und erst der Umgang, das Benehmen war bezaubernd. Das Neueggröseli wurde daher weit und breit gerühmt und das Einzige, was Viele zu tadeln fanden, war, dass es nicht reich sei. Doch fanden nicht gerade Alle dieses auszusetzen und es gab viele reiche Jünglinge in der Gegend, die Röseli Herz und Hand mit Fuss und Ueberstrümpfen etc. etc. angeboten, wenn sie nicht zu riskieren gehabt hätten, Abkabis zu erhalten. Röseli war nämlich nur freundlich mit den Sittsamen. Wagte man bei ihr nur die leisesten Anklänge von Liebe und Sehnsucht, so war es, als würde es von einer Viper gestochen und Jeder, der solche Reden that, war für immer aus dem Kreise seiner Gunst ausgeschlossen. Es waltete daher ein eigenthümlicher Zauber um das Mädchen herum. Es war, als strahlte eine heiligende Kraft von ihm aus. Kein unanständiges Wort, keine anstössige Geberde wagte sich zu äussern, sondern jede Unterhaltung bewegte sich in solchen Formen, als hätten die Betreffenden die sie führten, nie ein Wässerlein getrübt.

Einst an einem Maiabend kam Res, der Neueggbauer, vom Sumiswalder Märit heim. Er hatte dort getanzt mit den flottesten Töchtern der Gegend, aber keine hatte ihn befriedigt. Fast zornig trat er den Heimweg an und grollte mit dem Herrgott, dass er ihm Keine schön und reich genug geschaffen. Wie er sich mit solchen verwegenen. Gedanken beschäftigte, trifft ihn ein Lichtstrahl. Derselbe kommt aus einem Stübli. Er geht hinzu und schaut hinein. Da erblickt er zwischen den Vorhängen hindurch Röseli bei einem Tischlein das Abendgebet verrichten. Es war halb entkleidet und der Schein der Nachtlampe erhöhte nur die Reize des Mädchens bis zu überirdischem Zauber. Res schlug sich vor die Stirn und brummte: "Hätt'st du nur Hunderttausend - nein, hätt'st du nur ein Bettelgeld von Fünfzigtausend - mein müsstest du sein!" Er sprach's und legte sich mürrisch zu Bette, Aber schlafen konnte er nicht. Immer und immer trat ihm die Gestalt des hübschen Mädchens in stetssich steigernden Reizen vor die Augen. Bald war sein Gesicht umrahmt mit einem Kranz von Vergissmeinnicht, bald glänzte es aus lauter Rosen, bald wurde die Gluth der frischen Wangen erhöht durch die Unschuldsfarbe der Lilien. Und als er endlich einschlief, da ging erst der Spuck los. Es war ihm, als sauge er den balsamischen Athem ein, als fühle er das Feuer der brennenden Lipgen, die ihm der Liebe höchste Seligkeit in wollüstigen Kussen aufdrückten.

Von da an war es aus mit Resens Ruhe. Er ging hinaus in den Wald, er irrte durch die Wiesen, stürmte durch Gestrupp und Dornen, um Ruhe zu finden. Aber stärker pochte nur sein Herz. Es zog ihn heim - heim zu dem Ursprung seiner Qual. Sein Gefühl trieb ihn hin, sich dem herrlichen Mädchen vor die Füsse zu werfen, es unter Thränen zu bitten, die Seinige zu werden. Aber sein Geldstolz rief ihm dazwischen: "Schäme dich, so vor einem Bettelmensch zu knieen." So kämpfte er fort Tag für Tag, wochenlang. Einst an einem Sonntag Nachmittag stand er auf von seinem Mittagsschlaf. Als er aus dem Stübli heraustrat in den Schopf, sah er Röseli einzig auf der Bank. Er setzte sich zu ihm. Es war, als ob ihre Nähe tausend Seligkeiten in seine Brust pflanze. Sie sprachen miteinander, sie scherzten, sie lachten, und die Stunden flogen wie Minuten dahin.

Von da an war es Res, als müsste er immer an des Mädchens Seite sein. Und doch schämte er sich fast, dass er sich so in dasselbe vernarrt hatte. Er ein Vierziger, Röseli erst 19 Jahre alt, er war steinreich, das Mädchen arm wie eine Kirchenmaus, Das waren zu augenscheinliche Missverhältnisse, als dass sie bei ihm nicht Bedenken erwecken sollten. Doch allemal, wenn er das frohe Kind ansichtig wurde, da stieg ihm's Blut in's Gesicht und sein Herz klopfte gewaltiger. Dazu konnte er's nicht leiden, wenn Andere mit dem Mädchen scherzten und erst der Gedanke, dass ein Anderer sein Herz besitzen sollte, goss ihm ein ätzendes Weh in seine Brust.

Darum wollte er sich auch des Wesens versichern. Als er einst das Mädchen im Garten einsam traf,, machte er ihm seine Erklärungen. Er erschrack aber, als er sah, wie Röseli darob todtenbleich wurde. Es wendete sich ab von ihm und schwieg. Das war ihm peinvoll. Thränen ergossen sich über sein Gesicht. - Es entfernte sich und sagte nichts. Res war wie vom Donner getroffen. Scham und Stolz wühlten den Zorn in ihm auf, "Die Chrott will i scho zur Tränki führe!" sagte er ingrimmig zu sich und ging fort.

Es war spät am Abend, als er heim kam. Röseli mit verbrieggetem Gesicht war noch auf und holte ihm das Nachtessen. Sie sagten kein Wort zu einander. Das Schmollen war aber Resens Sache nicht. Er schlang seinen Arm um das Mädchen und wollte noch einmal mit einem zärtlichen Versuch eine Antwort hervorlocken. Röseli entschlupfte ihm aber wie eine junge Maus undibegab sichiin's daneben legende Schlafzimmer. Res stürmte ihm nach und wollte seine Autorität geltend machen und die Nacht bei ihm zubringen, Röseli aber wehrte sich entschieden dagegen und Res suchte mit einer fürchterlichen Drohung sein Lager.

Von nun an lagerte sich eine düstere Luft auf das ganze Haus. Res war ein unzugänglicher "Cholder" geworden und auch Röseli zeigte sich nicht mehr als dasselbe. Das düstere Wesen gestaltete sich aberz~n namenlosen Schreck, als man eines Morgens Röseli als Leiche im Bette fand.

Dieser plötzliche Tod der zarten Jungfrau machte einen unbeschreiblichen Eindruck auf Alle. Nur Res blieb fühllos dabei. Ja Einige wollten sogar einen höhnischen Zug um seine Mundwinkel zucken gesehen haben, wenn die Andern ihrem Schmerz ungezügelten Lauf liessen.

Röselis Leiche wurde begraben, Ein unabsehbarer Zug begleitete dieselbe. Alle weinten. Nur Res blieb kalt wie ein Stein. Man flüsterte sich dies und das zu, Doch laut wurde nichts, denn Res war reich und mächtig und hatte ebenso einflussreiche Gönner und da musste man sich "zäpfen."

Doch was hatte er von seinem Reichthum, was von seinem Einfluss? Mit seinem G1ücke, seiner Ruhe war's doch aus. War er bis dahin, den stillen Schmerz in der Brust, herumgewandelt, so brach sich derselbe namentlich in den stillen Stunden der Nacht durch fürchterliches wahnsinnlges Toben Bahn.

"Näht m'r dä Todtebaum furt - furt mit ihm! O Röseli, was han i g'macht!" Das waren die geheimnisvollen Worte, die sich aus der von Todesangst zusammengepressten Brust wanden.

Mitten in der Nacht stand er auf, ging in den Stall, in die Wälder und scheu wich ihn Jedermann aus. Die Geschichte wurde indess ruchbar. Der Pfarrer beschickte Res und hielt in Gemeinschaft mit dem Landvo6gt ein Verhör mit ihm ab. Das Resultat gelangte indess nicht vor die Oeffentlichkeit. Ein starkes Geläuf hin und her machte sich aber bemerklich. Res musste viel auf Bern, Doch wurde es mit demselben mit der Zeit ruhiger. Nur zu gewissen Zeiten brach das Toben los.

Unter dem Volke zirkulirte das Gerücht, Res habe Röseli ermordet. Er habe vor einem heimlichen Gericht bekannt, dass er ihm einen Nagel durch die Hirnschaale ins Gehirn getrieben. Da er ein reicher Kerl und sein Opfer ein armes Mädchen, so haben die gnädigen Herrn und Obern ein lüstern Auge auf die Geldsäcke im Speicher geworfen und ihn tüchtig an den Finanzen geschröpft. Man sagte sich allgemein, dass er an einem bestimmten Tag im Jahre auf Bern müsse. Dort werde ihm vom Scharfrichter ein Strick um den Hals gelegt und nur gegen Entrichtung einer grossen, bestimmten Geldsumme abgenommen. Im Publikum bezeichnete man dieses Manöver mit der Phrase: Res müsse den Bälslig verzinse. Indess durfte man diese Aeusserung nicht laut werden lassen.

Wo das Aas ist, sammeln sich die Adler. In der Nähe wohnte der alte Schulmeister, Er hatte 15 Kronen Lohn und eine verthünliche Frau. Das liess den Mann auf einen einträglichen Nebenerwerb denken, Er legte sich auf die Religion und hatte es los "grusam" schöne Kinderlehren und Leichengebete halten zu können, Da ihm diese Anwendung seines Talentes nur indirekte Einnahmen verschafften, so musste er auf Mehreres denken. Er ward ein "Spysprediger", d,h, er trat in den Dienst der Stündelibiggerei, die schon damals ihre giftigen Wurzel namentlich in abgelegenen Gemeinden in, die Herzen hauptsächlich der Weiber, eingruben. "Kinnbäcklihans" - man nannte ihn so, weil er einst in einem Hause, wo er Stunde gehalten, auf seine saftige Bekehrungspredigt ein noch saftigeres Kinnbäckli einzig und allein verzehrte - gab sich alle Mühe, wie er sich ausdrückte, dem Himmel Seelen zu erwerben, Bei Leuten, die nicht sauber waren über's Nierenstück, stand ihm ein weites Feld offen. Sein schlaues Auge hatte es bald entdeckt, wo etwas "Wurmässiges" war. Besonders alte Sünder waren aber die Ihnen angebotene Himmelsleiter froh. Als das Ereigniss mit Röseli geschehen war und die Leute sich diess und das zuflüsterten, sah man auch den Klnnbäcklihans den Res umschwirren. Zuerst geschah's in weiten Kreisen, dann zogen sie sich enger und enger, bis er sein Opfer sicher gepackt hatte,

Die Taktik wurde klug eingeleitet. Zuerst wurde dem Sünden gehörig Angst eingejagt. Der Teufel stand vor ihm mit Hörnern, spitz wie Mistgabeln mit einem Gfräss wie ein Ofenloch, Das Böllenfeuer wurde dem Res so heiss geschildert, dass es seine dicksten Trämeltannen zusammenchrüsele, wie ein Häarchenan der Lichtflamme, Als Hans dem Res die dicksten Schweisstropfen der Angst auf die Stirne gepresst, begann er nach und nach den Balsam eines sinnlichen Hoffnungsgebäudes in die zerfetzte Seele zu träufeln, Vergebung und Versöhnung mit Gott konnten mit Kopfhängenl Augenverdrehen und blinde Anhänglichkeit an die Stündeliapostel erworben, die Strafe durch Spenden an die hungrigen und faulenzenden Himmelsprofosen abgekauft werden,

Res war nun ein Kopfhänger in solchem Grade geworden, dass er sich von aller übrigen Welt abschloss, um einzig nur mit seinen "G1äubigen" zu verkehren. Diese umlagerten denn auch sein Haus, wie die Schmeissfliegen ein Stück Fleisch, Viele sogen sich dick und fett an dem Reichthum. Erst sah man es, wie gross dieser war, dass er solche Schräpfeten aushalten konnte. Es gab Sonntage, wo nach Hansens Kinnbäcklipredigt oft über hundert Personen bewirthet wurden. Für Hans und die höhern Apostel, die an solchen Tagen weither gereist kamen, wurde natürlich besonders der Tisch gedeckt und da ward dann aufgetragen, was Küche und Keller zu bieten vermochten. Bei solchen Anlässen waren dann selbstverständlich auch robuste Schwestern im Herrn zugegen, die besonders einer Zeichensprache, durch die Knie unter dem Tisch hindurch mitgetheilt, sehr kundig und zugänglich waren.

Ein G1ück für Resens lachende Erben, die aus guten Gründen einem solchen Treiben abgeneigt sich zeigten, war es, als derselbe mit der Zeit anfing zu kränkeln. Die geräuschvollen Andachtsübungen wurden daher eingestellt, jedoch in stillerem Kreis von Kinnbäcklihans eifrig gepflegt. Dieser legte es auch darauf an, von Res einen Theil von seinem Vermögen zu erschleichen. Der war jedoch, trotz seiner Frömmigkeit, in solchen Sachen etwas zäher Natur, gab indessen gute Worte, um die Zudringlichkeit abzuhalten, liess aber der Sache ihren Lauf.

Es kam auch die Zeit, da Res starb. Es war ein fürchterlicher Tag, Die Elemente schienen sich in Donner, Blitz, Sturm und Regen aufzulösen. Alle Hausbewohner standen ebenfalls wie angedonnert, denn sie erblickten in diesem Sturme der Natur ein anbrechend Strafgericht Gottes.

Doch als am folgenden Tag die Sonne wieder hell durch die Wolken schaute, heiterten sich auch die Gesichter auf, Emsig wurden die Vorbereitungen zur "Gräbt" betrieben. Ein steinreicher Mann, alles lachende Erben, das war ein Schleck für alle Fressbäuche in der Gegend. Boten liefen rechts und links, Es wurde gemetzget und gefuhrwercht, dass es eine Gattig hatte.
Der Tag der Beerdigung erschien. Stuben, Schopf, Tenn und Küche, Alles war b'steckt voll. Auch der Schulmeister war da, ein eifriger Stündeler, ein alter Gritti mit Stumphöslein, Speckseitenchutte und einem rystenen, steifen Hemdkragen, der einen halben Schuh über die Ohren hervorstand. Er war es, der die schwere Aufgabe übernommen, dem Res geistliche Hülfe und Trost gegen die ewige Anfechtung des Teufels, von dem er sich auf Steg und Weg verfolgt sah, zu bringen, und der dafür von ihm mir den Gütern der Erde, unter denen ein gutes Tröpfli nicht die letzte Stelle einnahm, reichlich versorgt wurde.

"Seh, mir wei denk drahi!" rief er mit schnarrender Stimme. Die Dickbäuche stellten sich In Position. Mehrere Weiber schoben ihr Brod mit Käs heimllch` in den Sack und der alte Chorrichter führte sich noch ein bef Seite gestelltes Glas schnell zu Gemüthe.

"Auso wenn der jetzt weit lose, so wei mer derhinger."

So lautete die zweite Aufforderung mit etwas rasserem Ton, Langsam wanderten die Schelmendeckel vor die andächtigen Gesichter und der Schulfürst verdrehte seine Augen so 48ttlich schon, wie ein Huhn, wenn es an der Ankemilch steht.

Res lag in offenem Sarge Allen zur Ansicht da. Die Leichenrede begann. Sie enthielt ein überschwängllches Lob auf die Tugenden des Verstorbenen. Als einige Dickbäuche hin und her trätscheten, war diess dem Schulmonarchen ein Zeichen zum Abklemmen, Der Schluss lautete folgendermassen: "So luegit ne jetzt no einist, wie ner da lyt und so nes gottesfürchtigs Mul macht, üse gute, liebe, gehorsame, gottesfürchtige, fromme und liebeswürdige Neuegg-Res. Nachher chömit alle ume, aber es soll keis Bei daheime blybe. Für die Mindere gits e Chäsgräbt mit Mistelacher, für die Grössere wird i der Stube e Fleischgräbt zweggmacht mit Speck und Surchabis, Hamme und Bratis und eme Fass Lacote. Me wird eme Jede no sage, wo ner hi soll. Auso in Ewigkeit Amen!"

Ich will nicht beschreiben, wie es an dem Leichenmahl zugegangen. Es gab Dick's und Dünn's genug bis zum Ueberlaufen. Kaum war der Res unterm Boden, so hiess es, er chöm ume. Und wenn es strub Wetter geben wollte, so hörte man an de Gehöften, die an der Landstrasse lagen, eln eigenthümliches Getön in der Luft, wie das Rollen eines Leichenwagens auf der holprigen Bergstrasse. Hie und da trug es sich zu, dass Einer dem Zug begegnete. Wehe aber dem! davon. Einer Noch Jeder trug irgend ein "Näggi verlor die Sprache, ein Anderer das Gesicht, ein Dritter das Gehör. Namentlich war es der Pfaffe, der die Betreffenden mit seiner Bibel abdengelte. Man sagt, es sei der Pfaffe, der dem Res gegen angemessene Entschädigung aus der Tinte geholfen. -

Der Grossätti erhob sich von seinem Sitz, die Gesellschaft hatte stumm der Erzählung zugehört und war nicht mehr aufgelegt, die Unterhaltung weiter zu führen, Die Gäste machten sich zur Heimreise bereit und Michel schloss den Abend mit folgender Sentenz:
Ja de - de - der Re - re - res ~ - i - ist e d Schu Schu Schuld, dadadass iiii eeee StaStaStaSta Staggli wordedede bi bi bi bi bi

An diesem Abesitz hatte auch als stiller Zuhörer ein armer Küfer Theil genommen. Er sass auf dem Ofen und hörte aufmerksam zu. Er dachte Manches, als Michel seine Sentenz staggelte. Aber er sagte Nichts. Als aber Michel starb, da weinte Niemand; als er. Und warum, das wussten nur die, welche am selben Abend mit ihm zusammen waren. Unter dem Siegel des tiefsten Geheimnisses erzählte er ihnen Folgendes:

Mit der Gräbt, die Michel erschreckte, gieng es eigentlich ganz natürlich zu. Wir waren selben Abend bei der Harzfluh auf der Stör. Ich sollte selbe Zeit Jemanden ein Bschüttifass liefern und hatte kein Holz dazu, Mein G'sell sagte mir, er wisse mir eins, wenn man's abhoble, und neue Reife daran mache, so sehe kein donners Raggerhund, dass es alt sei. Wir warteten bis um Zwölf im Waldel dann giengen

Wir und nahmen das Fass, nachdem wir an einem zweiten Ort den Karren gestohlen, Als es gegen Eins rückte, fuhren wir schüchtern vorwärts und hatten keinen Gedanken, dass uns noch Jemand begegne. Als wir in die Schreibershubhohlen kamen, hörten wir einen Besoffenen daherstüpfen. Wir fluchten im Stellen alle Donner- und Hagelwetter, Da sagte mein G'sell: Wart, i will dem scho undere zünde. Er riss ein Stück Schynholz ab, der am Wege stand und warf dem "Saglihung" Stücke davon entgegen. Der that einen wüsten "Bagg" und fiel desus. Wir konnten nun ungehindert passiiren. Am Morgen war ein gottloser Lärm in der Gegend. Wir aber hatten gute Gründe uns zu "zäpfen", denn Auch das Bschüttifass wollte stinken. Die Sage kam uns gut zu Statten und half uns, unser Vorgehen zu decken. Das Gewissen hat mich aber immer geplagt und ich fühle mich erleichtert, dass ich das Ereignis Jemandem mitgetheilt habe, bevor ich sterbe.

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